Ohne Zweifel entspringt die Religion dem kindlichen Bedürfnis, jemand anderem die Schuld zu geben für die Kränkung, die die eigene Existenz bedeutet.
Kritik an der Religion wiederum bedeutet, sich über dieses kindliche Verhalten auf die eine oder andere Art lustig zu machen, was wiederum – und zwar völlig zu Recht – ebenfalls als infantil kritisiert wird.
Wie kann man also aus dieser Spirale der gegenseitigen Beleidigung ausbrechen? Ich behaupte: Gar nicht. Ignorierst du das gekränkte infantile Verhalten deiner religiösen Mitmenschen, findet es trotzdem statt und du wirst trotzdem mit hineingezogen. Denn sehr wahrscheinlich wird dir unterstellt, du wärst genauso gekränkt oder solltest es zumindest sein und hättest gefälligst in diesem Kult mitzumachen. Verweigerst du mehr oder weniger freundlich diese Vereinnahmung, kannst du mitunter die wundersamsten Formen kognitiver Dissonanz beobachten.
Du kannst dich also nicht nicht verhalten. Nun gibt es einige Ansätze, dem mit einer Flucht nach vorn zu begegnen. „Lasst mich bitte mit eurem Quark in Ruhe“ wirkt stärker, wenn du selbst einen eigenen Quark zeigen kannst. So wurde aus einer Kränkung über Religion mit der Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters einfach eine noch absurdere Religion gegründet.
Ebenso entstanden die satanischen Konfessionen aus der Kränkung heraus, sich doch gefälligst einem fiktiven Fabelwesen zu unterwerfen, wobei der Weg gewählt wurde, mit einem anderen fiktiven Fabelwesen zu antworten, das diesem Aufruf mit einem „Non serviam.“ („Ich werde nicht dienen.“) widersprach.
Bei all der Ablehnung einer göttlichen Macht (und letztendlich ist auch deren sinnfreie Anbetung ein gekonntes Umschiffen des eigentlichen Punktes, nämlich, wie man mental halbwegs unbeschadet durch diese Realität kommt ohne dabei möglichst anderen zu schaden) fiel mir jedoch auf, dass auch in dieser ganzen Ablehnung Strukturen gebaut werden, die selbst Macht über andere ausüben und damit das tun, was sie eigentlich kritisieren. Vielleicht ist das unvermeidlich, denn auch eine Gegenreligion ist eine Religion, und zwar eine, die sich eben über die Gegnerschaft zur ersteren Religion definiert.
Sollte man Religion zersetzen? Unbedingt. Aber kann man Religion mit Religion zersetzen? Ich denke, das ist der einzige effektive Weg.
Und wie kann das funktionieren? Indem du die Dogmen der Religion gegen sie selbst verwendest. Mein Vorschlag entspricht dem einer Impfung. Ein Dogma kann auch sein, dass das real ist, was nachgewiesen werden kann, und zwar so lange, bis das Gegenteil bewiesen ist. Ein Dogma kann sein, dass alle Menschen gleich an Rechten und Würde erschaffen sind. Ein Dogma kann ebenso sein, dass eine Religion als zentralen Wesenskern enthalten kann, Religion zu kritisieren – und damit immer auch sich selbst.
Hierfür bietet sich die griechische Göttin der Zwietracht an, wie sie bereits im Discordianismus verehrt wird. Doch anstatt sich in übermäßig komplizierten Selbstbezügen zu verstricken, lasst uns der Göttin huldigen durch ihren heiligen Akt: Lasst uns streiten.